#echtefreunde
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Ein verwirrender Flirt

Eines Tages wird Sebastian auf Facebook von der hübschen Laura angeschrieben. Es ergibt sich ein Chat, der ihn an ihrer Seele zweifeln lässt.

Irgendwann tauchte in meinen Facebook-Nachrichten ein unschuldiges "Hi wie geht's?” auf. Gleichzeitig bekam ich eine Freundschaftsanfrage. Absenderin war eine junge Frau namens Laura Neumann. Ich fand sie hübsch, war aber skeptisch, denn als 32-jähriger, männlicher Facebook-Nutzer mit dem Status "Single" erhalte ich fast wöchentlich Fake-Freundschaftsanfragen von irgendwelchen Schönheiten .

Meist sind die Profile erst vor einigen Tagen angelegt, enthalten nur zwei bis drei Profilfotos aus einer Model-Datenbank und sind spätestens auf den zweiten Blick als Fake identifizierbar.

Der Zweck solcher oft zu tausenden automatisch erstellter Profile ist es, Fake-Likes und Shares an Facebook-Seitenbetreiber zu verkaufen, die sich so größer und wichtiger darstellen können, als sie wirklich sind. Ein lukratives Geschäft für die Anbieter.

Doch Facebook kämpft mit Anti-Spam-Algorithmen dagegen an. Diese identifizieren, wenn feindliche Software-Roboter automatisiert Profile erstellen und anstelle von individuellen Menschen Seiten oder Posts liken.

Der Kampf der zwei Software-Algorithmen darf einen entfernt an den Film Matrix erinnern. Die einzige Methode der Fake-Profile, sich vor einer schnellen Löschung durch Facebook zu retten, ist es, sich ausreichend menschlich zu verhalten. Das geht, indem man zum Beispiel viele "echte" Freunde gewinnt und mit ihnen Gespräche führt.

Lauras Profil schien aber doch glaubwürdig. Sie hatte schon über 100 Freunde und auf ihrem Profil finden sich Posts, die über drei Jahre zurückreichen, Fotos aus allen Lebenslagen und verschiedene Foto-Alben. Ihre Posts hatten auch Likes und Shares von anderen Nutzern. 

"Hi, kennen wir uns?", schrieb ich also vorsichtig zurück. Sie antwortete, dass sie mich auf Facebook gefunden hat und auch immer sehr vorsichtig ist, wegen der vielen Spam-Anfragen. Damit hatte sie erstmal mein Interesse geweckt und es ergab sich ein kleiner Flirt mit den typischen "Was machst du so?"- und "Wer bist du so?"-Fragen. In ihren Antworten blieb sie aber immer auffällig vage.

 

 

Meine Skepsis bleibt

Und da war sie wieder, meine Skepsis. Schreibt ein Mensch das so? Noch einmal schaue ich mir ihr Profil an. Zwar finde ich viele Posts, doch sind sie bei genauerem Hinschauen auffällig generisch. Kein einziger enthält eine konkrete Orts- oder Zeitangabe, unter keinem Post wurde diskutiert. Die meisten Posts sind geteilte, meinungsfreie Spaß-Posts mit Zitaten oder Witzen. Meine Skepsis wächst. Flirte ich gerade doch mit einer Software, mit einer Artificial Intelligence? Nun will ich es wissen.

 

 

Typisch denke ich mir. Natürlich ist ein Computer nicht in der Lage mein Alter zu erraten, dazu müsste er mein Profilfoto interpretieren können wie ein Mensch. Oder bin ich verrückt und unterstelle einer netten jungen Dame, nicht echt zu sein, nur weil sie eine höfliche, allgemein übliche Phrase verwendet?

 

 

Aha – sie will sich also nicht mit mir treffen! Das ist ja wohl der Beweis. Aber vielleicht bin ich auch zu forsch. Wer würde sich nach gerade mal 15 Minuten Facebook-Chat mit einem Fremden treffen?

Auch sonst verhält sich Laura für eine Software recht menschlich. Ihre Rechtschreibung ist glaubwürdig schlecht und es gibt eine realistische Verzögerung bei ihren Antworten, die der Nachdenk- und Tippzeit eines normalen Gesprächspartners entspricht. Zusätzlich benutzt sie intensiv und zum Kontext passend Smilies, wie wir alle es tun. Sogar die Tipp-Animation im Messenger ist ausreichend lange sichtbar. Ist sie doch ein Mensch?

Jetzt wollen wir doch mal sehen!

Ich beschließe, dass ich so nicht weiter komme und gehe in unsere WG-Küche. Meine Mitbewohner raten mir, die Methoden des Turing-Tests anzuwenden. Der Turing-Test wurde bereits 1950 vorgeschlagen vom Informatiker Alan Turing, der den Funk-Code der Nazis im 2. Weltkrieg knackte. Menschen sollen dabei herausfinden, ob ihr Gesprächspartner eine Software oder ein Mensch ist.

Auf einer Website wird in Anlehnung an den Turing-Test empfohlen, moralische Fragen zu stellen, Fragen also, die nach einer Bewertung im Sinne von gut oder böse verlangen – Dies sei für eine Software deutlich schwieriger, als Sachfragen zu beantworten.

Also los! Aktuelles Thema in den Nachrichten war zum Zeitpunkt meines Chats die Enthüllung, dass der Flug MH17 tatsächlich von den durch Russland unterstützten Rebellen abgeschossen wurde. Putins Versuch, die Schuld für den Absturz den Ukrainern in die Schuhe zu schieben, wurde damit endgültig als Lüge entlarvt. Alle Medien berichteten darüber.

Als ich Laura nach ihrer Meinung zu dieser Entwicklung fragte, kamen lange keine oder nur ausweichende Antworten. Erst bei der dritten Nachfrage, entlarvte sich die Software schließlich eindeutig:

 

 

Die Konfrontation

So würde doch niemand auf meine Aufforderung reagieren. Ich entlarvte sie! Danach war sie – oder sollte ich besser sagen "es"? – ziemlich sauer, sofern eine Software dies sein kann.

 

 

Oder war sie es doch nicht? Vielleicht schaut sie ja keine Nachrichten und hat einfach nur fix gegoogelt was MH17 ist? Bin ich zu vorschnell gewesen? So ganz überzeugt bin ich von meiner Entdeckung noch nicht. Mein Mitbewohner fragt, was eigentlich passiert, wenn ein Spam-Roboter auf einen anderen Spam-Roboter trifft. Unterhalten die beiden sich dann ewig miteinander? Oder gibt es ein System, vielleicht einen Code, wie sie einander erkennen können? Ich probiere daraufhin folgendes aus:

 

 

Die Antwort kam sofort und überraschte mich, denn sie passte nicht zu dem schüchternen "Mäuschen-Typ", den das Programm bisher in seinen Antwort gespielt hatte. Eine Google-Anfrage weiter erfahre ich, dass die Rechnung aus George Orwells Buch "1984" stammt. Dort steht sie für das Paradox, dass die Menschen die offensichtlichen Lügen der Diktatur glauben, obwohl sie wissen, dass es nicht die Wahrheit ist. Ich tippe:

 

 

Was? Das war es? Hab ich den richtigen Exit-Code erraten? Hab ich der Software glaubwürdig bewiesen, dass ich ebenfalls ein Roboter bin und sich eine Befreundung mit mir nicht lohnt? Oder war es wieder nur ein Missverständnis zwischen zwei Menschen, von denen sich einer vollkommen paranoid verhält und der andere nur Bahnhof versteht?

Meine WG und ich kommen schließlich auf die Idee, Laura zu bitten, uns eine SMS zu schicken oder ein Foto von einer aktuellen Tageszeitung. Dies wäre der Beweis, dass sie kein Programm sei. Sie sagt erneut, dass ihr das alles zu schnell gehe, wenige Sekunden später bin ich geblockt und kann Laura keine weiteren Nachrichten schicken.

Etwas Unsicherheit bleibt

Das Unsicherheitsgefühl das bleibt, ist für mich aber eine gesunde Lektion. Längst wurde bekannt, dass zum Beispiel Putin Software-Bots nutzt, um die Öffentlichkeit auf Twitter und anderswo in seinem Interesse zu manipulieren. Erst kürzlich las ich auch von einer Analyse der Datenbank der gehackten Fremdgeh-Plattform "Ashley Madison", die zeigt, dass fast alle weiblichen Nutzer schlichtweg Bots waren.

Da Nutzer für das Versenden von Nachrichten bei Ashley Madison Geld zahlen müssen, war der Einsatz von Frauen-Bots eine gigantische Gelddruckmaschine. Auch das deutsche Dating-Portal "Lovoo" steht unter diesem Verdacht, wird aber vermutlich nicht das einzige sein. Facebook will mit "Projekt M" einen persönlichen Assistenten bauen, der Fragen und Aufgaben beantworten soll – halb automatisch wie Siri, aber auch unterstützt durch Menschen, was die Unterscheidung noch schwieriger machen wird.

Hier steh’ ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor. Bin ich mir wirklich sicher, dass Laura eine Software ist? Einige neue Posts, die nach dem Chat hinzugekommen sind, deuten darauf hin, dass die Person vielleicht doch existiert. Ich konnte zwar ihre Menschlichkeit nicht beweisen, aber auch nicht das Gegenteil. Die Unsicherheit bleibt.

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