#fakeit
#fakeit

10 Mal durch den Filter

Nur Zauberer und Küsse können dafür sorgen, dass aus Fröschen Prinzen werden? Mit Fotofiltern kann das (fast) jeder. Zehn Dinge, bei denen wir sonst noch tricksen.

Instagram, VSCO, AfterLight und Retrica hübschen in Minutenschnelle jeden Alltagsmoment auf.  Eins fällt dabei gerne unter den digitalen Tisch: Nicht nur die Filter, sondern auch die Momentaufnahmen, die wir bearbeiten, zeigen nicht immer die Realität. Zehn Mal Online-Optimierung to go:

1. #besties: Freundschaften

Ob wir die #qualitytime mit unseren besten Freundin mit der Welt teilen oder samt unserer Clique vor dem Smartphone posen: Freunde und soziale Medien gehören zusammen wie Zimt und Zucker. Denn was verleiht uns mehr Authentizität und Empathie als stets von guten Freunden umgeben zu sein? Aber mal ehrlich, die besten Nachmittage mit der guten Freundin spielen sich jenseits von Smartphone und Laptop ab, weil wir ungeschminkt auf dem Sofa liegen oder Pizza bestellen. Und dass auch im engsten Freundeskreis Krisen vorkommen, davon möchten Facebook, Instagram und Co. nichts wissen.

2. #fitnessjourney: Sport

Sport-BH-Selfies, auf denen der definierte Bauchmuskel einer Bodybuilderin glänzt, ein angespannter Bizeps im Spiegel – kaum eine Community ist online größer und aktiver als die der Sporttreibenden. Von #cheatdays kriegen wir hier aber wenig mit. Tägliches Training ist utopisch, doch geben uns soziale Medien manchmal das Gefühl, die ganze Welt um uns herum lebe auf dem Laufband, während wir von Chipskrümeln bedeckt PlayStation zocken.

3. #foodporn: Essen

Haben wir uns an sportlichen Mitmenschen vorbei gescrollt, ist das nächste #healthy Mahl nur eine Daumenbewegung entfernt. Von #lowcarb über #greensmoothies begegnen wir Chiasamen heute öfter als unserem Nachbarn. Dass Essen oft nur aus ein paar verkochten Nudeln und Pesto aus dem Glas besteht und es manchmal auch ein Käsebrot tun muss, ist ein Fakt, der auf sozialen Medien scheinbar nichts zu suchen hat. Unsere Essgewohnheit ist zum Prestigeobjekt geworden, bei dem gewinnt, wer sich möglichst fleisch-, laktose- und glutenfrei ernährt und auch in Stresssituationen noch zum Bioladen oder ins angesagte Restaurant hüpfen kann. 

4. #relationshipgoals: Liebesbeziehungen

Ähnlich den Freundschaften werden auch Beziehungen zum Filterobjekt. Ob klassisch Hand in Hand oder Huckepack mit Ginghamfilter – Paare sind ein schönes Motiv. Doch mit dem mehr als fragwürdigen Hashtag #relationshipgoals reicht es heute nicht einmal, einfach zusammen glücklich zu sein. Die Traumreise, das teure Auto, das sechsjährige Beziehungsjubiläum – alles kann zum idealen Ziel für Beziehungen werden, die oft schon offline genug Probleme zu bewältigen haben.

5. #friyay: Partys

Was sind Cocktails fotogen! Und lächelnde Mädelsgruppen erst, die ihre #girlsnightout auf allen Kanälen verbreiten, die es interessieren könnte. Fußschmerzen, Müdigkeit und ein fies maunzender Kater am nächsten Morgen werden dabei offline bewältigt – wie sollte man sich damit auch als dauerfeiernde Latenightqueen präsentieren, die vom DJ bis zum Barkeeper jeden kennt?

6. #workhardplayhard: Arbeit

In unserer makellosen Inszenierung darf eins natürlich nicht fehlen: ein cooler Job, ein erfolgreiches Studium oder ein spaßiger Schulalltag. Denn neben guter Ernährung, den besten Freunden der Welt und jeder Menge Sport managen wir online auch den Berufs- oder Schulalltag mit links. Ungemachte Hausaufgaben, in BWL durchgefallen, Chef unzufrieden? Nicht auf Twitter, Facebook oder Instagram!

7. #interior: Wohnen

Wie kommt es eigentlich, dass gefühlt jeder Mensch online in katalogreifen Zimmern lebt, in denen frische Blumen zur Einrichtung gehören, wir im analogen Leben aber stets auf getragene Socken treten, besuchen wir Freunde? Genau – Filter, der richtige Ausschnitt und Dreckwäsche unterm Bett. Hübsche Dekokissen, auf denen sich eine flauschige Katze räkelt, scheint es in jedem stylishen Haushalt beim Einzug gratis mit dazuzugeben. Aber seien wir mal ehrlich: der Wäscheständer ist meist nur einige Schritte entfernt.

8. #instastyle: Mode

So wie im Alltag, haben wir auch modisch mal gute und mal schlechte Tage. Logischerweise posten wir den Pullover, der unseren Kleiderschrank seit acht Jahren beehrt, nicht online. Trotzdem sollten wir ab und an auch mal ein normales Outfit posten. Wir müssen uns schließlich auch an modisch eher bescheidenen Tagen nicht hinter Büschen verstecken, wenn wir auf der Straße ein bekanntes Gesicht treffen.

9. #wanderlust: Reisen

An guten Urlaubsfotos ist absolut nichts auszusetzen. Bis auf das akute Fernweh, das uns stets plagt, sehen wir die weißen Strände und atemberaubenden Berglandschaften anderer im eigenen Newsfeed. Doch anstatt wehmütig die Panoramaaufnahmen anderer zu begutachten, sollten wir lieber die eigene Stadt erkunden und im Hinterkopf behalten, dass auch die Reiselustigsten meistens hinter dem Schreibtisch sitzen. Das Gras ist zwar woanders immer grüner – aber ein paar Gänseblümchen finden wir auch auf der heimischen Wiese.

10. #artsy: Alltag

Die oben genannten neun Punkte füllen 99,2 Prozent unsere Startseite auf unseren sozialen Plattformen aus. Doch auch die letzten 0,8 Prozent lassen sich zusammenfassen: Es sind die melancholisch angehauchten Detailaufnahmen von allem Möglichen, was dem modernen Selfpresenter vor die Linse läuft. Ob es eine Taube neben einer Coladose oder ein Streetart-Graffiti mit deeper Message ist – wir müssen auch online beweisen, wie tiefgründig, detailverliebt und #artsy wir sind. Dass wir meistens nur darüber nachdenken, dass die Wäsche noch aufgehängt und die Oma angerufen werden will, hat online keinen Platz. Und das ist vielleicht auch gut so – behalten wir im Auge, dass soziale Medien nur einen Bruchteil dessen portraitieren, was uns im Alltag begegnet.

#fakeit - Was ist bei dir Fake? Reich dein Foto oder deinen Link ein und gewinne eine riesige Badeinsel. Mit insgesamt vier Personen könnt ihr euch auf dem Baggersee vorstellen, ihr würdet auf den Antillen chillen.

© Foto: keller / Fotolia.com.