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Baut's euch selbst!

Ihr braucht ein Handy oder eine Windturbine? Dann baut sie euch doch einfach, die Pläne gibt’s bei Open Source Netzwerken. Leo hat den Experten Timm in seiner Bastelstube besucht.

Bei Timm ist gerade viel los. Der 25-Jährige Student aus Berlin hat bald Prüfungsphase. Doch sein Herzensprojekt ist schon seit einigen Jahren ein anderes: das Netzwerk Open Source Ecology (OSE). Bei der Recherche für eine Hausarbeit war Timm auf einen Amerikaner namens Marcin Jakubowski gestoßen. In einem Youtube-Video erzählt der Farmer von seinem Traktor, der immer wieder kaputt ging und ihn eine Stange Geld kostete. Jakubowski merkte, dass sein Traktor bessere, einfachere und nachhaltigere Materialien benötigt – und baute sich kurzerhand einen neuen Traktor. Mit Erfolg.

Das Starter-Kit für die Zivilisation

Daraufhin kamen Bastler und Ingenieure aus der ganzen Welt auf die Farm, um neue Prototypen von Landwirtschaftsgeräten zu entwerfen.

Ein alternativer Ansatz, der Timm fasziniert: "Der Vorteil an den Prototypen ist, dass sie beliebig verändert und so exakt auf die Bedürfnisse der Nutzer eingestellt werden können", betont er.

So entstand das Netzwerk OSE und ihr bekanntestes Produkt: Das Civilzation Starter Kit – eine DVD mit Bauanleitungen für Landwirtschafts- und Haushaltsgeräte, mit denen man ein ganzes Dorf versorgen könnte.

"OSE möchte industrielle Geräte und Produkte in Open-Source-Maßstäben neu messen", sagt Timm mit leuchtenden Augen. "Open Source", das bedeutet offen zugänglich und frei verfügbar. Von der Online-Enzyklopädie Wikipedia bis zum Messenger Telegram folgen viele digitale Projekte diesen Prinzipien. "Das Gleiche gibt es nun auch immer mehr im Hardware-Bereich", erklärt Timm. Mit Online-Wikis werde das technische Know-How weltweit weitergegeben und wenn jemand etwas Neues entwickle, werde das mit dem ganzen Netzwerk geteilt – "gemeinschaftliche Produktion statt Konkurrenzdenken" sei das Motto.

Echtes #Neuland

Nach den Anfängen in den USA sind auch in Europa mittlerweile kleinere OSE-Netzwerke entstanden. Timm hat Kontakt nach Österreich, Frankreich, Spanien, Italien und in die Schweiz. Dem deutschen OSE-Netzwerk gehören etwa 50 Leute, zehn davon sind besonders aktiv.

Und sie haben in diesem Jahr viel vor: "Wir bauen gerade eine Server-Struktur auf, über die wir unsere Cloud betreiben können", so Timm über gemeinsamen virtuellen Speicherplatz. Außerdem habe man nun ein Grundstück, auf dem die Community bald selbst produzieren könne und einen Verein wolle man auch gründen. "Das hier ist echtes Neuland für uns", meint Timm mit einem Augenzwinkern in Richtung Angela Merkel.

Timms Technikbegeisterung entstand vor allem durch ein Projekt: eine selbstverwaltete Fahrradwerkstatt an seiner früheren Schule. Weiter ging es mit den Leistungskursen Mathe und Physik und danach mit einem Maschinenbaustudium mit dem Schwerpunkt Erneuerbare Energien an einer Berliner Fachhochschule. "Ein Studium reicht allerdings nicht aus, um die Welt zu verbessern", sagt Timm und lacht. Deshalb investiert er viel Zeit in andere Projekte, die alle mit einer nachhaltigen "Do it yourself"-Mentalität verbunden sind.

Entwicklungshilfe im Südsudan

Vor einigen Wochen war Timm zum Beispiel im Südsudan, dem jüngsten Staat der Welt. Meist gelangen aus dem armen Land nur Bürgerkriegsnachrichten nach Europa. Timm war dort, um den Menschen zu zeigen, wie man Handys selber baut, denn "Handys sollten für jeden zu reparieren sein und Smartphone-Displays nicht teuer ersetzt werden müssen", findet der Jung-Ingenieur.   

Einige Wochen vor dieser Reise war Timm beim POC21 in Paris – dem Gegenentwurf zum COP21-Klimagipfel der Vereinten Nationen. Auf der Homepage von POC21 heißt es zu den Zielen des fünf  Wochen dauernden "Innovation Camp", dass man "eine neue Generation von nachhaltigen Produkten" schaffen wolle, die "so sexy wie Appel und offen wie Linux" sind.

Timm stellt die beiden Versammlungen gegenüber: "Beim COP21 wurde nur verhandelt, passieren wird relativ wenig." Auf dem POC21 hätten dagegen "100 Leute innerhalb von fünf Wochen an klimaschonenden Erfindungen gearbeitet und diese auch hergestellt". Eines von Timms Beispiel ist der Shower Loop, eine Dusche, die das normalerweise abfließende Wasser noch während des Duschens sammelt, reinigt und direkt wieder verwendet. Dadurch könne man sich solange waschen, wie man möchte, ohne dass man wertvolles Wasser verliere.

Jeder kann mitmachen

Die wohl kurioseste Erfindung bei OSE Germany ist ein "mobiler Melkroboter". Er melkt Kühe nur dann, wenn sie auch gemolken werden wollen. Weitere Projekte sind derzeit unter anderem eine Brennstoffzelle, die als Batterie funktionieren soll, und ein 3D-Drucker. Timms Lieblingsprojekt ist jedoch ein anderes, ebenso sinnvolles Erzeugnis: eine Windturbine, die elektrische Energie für den Eigenbedarf erzeugt. Auf dem neuen Hof von OSE-Germany in der mecklenburgischen Pampa soll sie in diesem Jahr entsteht.

Obwohl Timm 2016 noch viel Arbeit vor sich hat, merkt man ihm nicht das geringste Anzeichen von Stress oder innerer Unruhe an. Timm wirkt einfach nur hochmotiviert und auf seine Ziele fokussiert. "Ich wünschte, jeder könnte in solche spannenden Konzepte und Erfindungen eintauchen, wie ich gerade", seufzt er. "Aber Moment", ihm kommt ein Gedanke, "bei OSE das kann ja auch jeder!"

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