#selfidentity
#selfidentity

Du verarschst mich doch!

Jetzt hört doch mal bitte alle auf, Gustav zu verarschen. Er weiß schon garnicht mehr, ob er euerm Wikipedia-Eintrag trauen kann.

Unser Charakter entwickelt sich in Reaktion auf andere: Wir tun etwas und andere reagieren darauf. Wir wiederum reagieren auf diese Reaktionen, indem sie unser Verhalten entweder bestärken oder uns davon weglenken.

Paradebeispiel Kindererziehung: Kind popelt in der Nase. Eltern schimpfen. Kind hört auf zu popeln, im besten Fall. All das geschieht weitgehend unterbewusst. Doch passe ich mein Verhalten auch virtuellen Reaktionen an, zum Beispiel "Gefällt-mir"-Angaben? Ich werde gleich auf die Frage eingehen, doch zunächst ein kleiner Exkurs.

Ich bin auf der Geburtstagsfeier von einem Kumpel und werde plötzlich aufgefordert: "Sag mal ein Wort, irgendeins!" Ich schiebe mir eine Luftschlange aus dem Gesicht und weiche erstmal aus: "Gut, dass ich noch nichts getrunken habe." Einige lachen. "Okay, irgendein Wort …", ich brauche mehr Zeit, denn die Excel-Tabelle mit dem Sprachschatz in meinem Hirn lässt sich nicht öffnen. "Was für albernes Spiel“, ist der einzige Gedanke, der mir kommt.

Ich werde nervös: "Also, ihr macht jetzt keine Vorgabe oder so? … Soll es ein Tier sein?" Sie schweigen. Das erste Wort, das mir schließlich einfällt, ist "Hemmung“. Aber soll  ich das wirklich aussprechen? Was gebe ich damit über mich preis? Wer bin ich dann für sie?

Alles, was wir öffentlich sagen und tun, wird einer Qualitätsanalyse unterzogen. Und das wirkt sich auf uns aus. Eigentlich war meine Aufgabe ja einfach: Ich musste nur ein einzelnes Wort sagen, ganz egal welches. Jedes Wort wäre richtig gewesen, doch es fühlte sich einfach falsch an, mich ihnen zu öffnen. Zu Hause hingegen wäre mir die Antwort bestimmt leichter gefallen – Ente, Kratzbürste, Jägerstuhl, Straßenfeger, Achterbahn, Nussknacker, ich kenne ja unzählige Wörter.

Kommen wir zurück zum Internet, zum Beispiel Facebook. Da hat man immerhin Zeit zum Nachdenken. Ich kann mein Profilbild in Ruhe auswählen und vor der endgültigen Veröffentlichung nochmal anschauen, vielleicht den Kontrast ändern oder den Ausschnitt. Dabei kann ich mir überlegen, was meine Freunde davon halten werden, die Leute, denen ich gefallen möchte – oder auch die, die mich hassen sollen. Und wenn mir das Bild am Ende doch nicht passt, nehme ich einfach ein anderes. Hauptsache mehr “Gefällt-mir”-Angaben, mehr Prestige, mehr Sicherheit.

Perspektivwechsel: Ich schaue mir eure Profilbilder an, Bilder von Freunden, von Freunden von Freunden oder von Fremden. Jedes dieser Bilder ist bewusst platziert worden. Wer sein Profilbild bei Facebook hochgeladen hat, tat das mit Absicht. Denn meistens prüfen Menschen das, was sie sagen und tun im Vorfeld. Dabei immer im Nacken: die Frage, wie andere die eigene Identität konstruieren. Denn Rollenbilder bekommen erst durch Interaktion Kontur.

Mein Ich ist die Summe meiner Teilchen. Und die manipuliere ich, um eure Sichtweise auf mich zu steuern. Ihr dürft mir also nicht alles glauben! Auch in diesem Text habe ich euch … naja, Halbwahrheiten aufgetischt. Geht auf mein Facebook-Profil und ihr findet mehr.

Allein mein aktuelles Profilbild: ein verschrobener Kerl mit verwuscheltem Bart und Wanderrucksack, vor einem Kreuzfahrtschiff in einem der Häfen von Istanbul. Die Sonne steht perfekt, man sieht einen kleinen Teil meiner Zähne. Könnte arrogant sein, der Typ. Oder unheimlich schlau. Vertrauenswürdig? Was man nicht alles für Überlegungen anstellen kann.

Ihr kennt mich (höchstwahrscheinlich) nicht. Ein Profilbild weiter sieht das alles schon wieder ganz anders aus. Ein Typ mit Doppelleben? Pro Profilbild ein Leben? Niemals. Vielleicht habe ich da beim Hochladen nur an jemand anders gedacht.

Ein paar Freunde von mir haben sogar ein Wikipedia-Profil. Vallah, bin ich neidisch! Ich weiß zwar nicht, womit ich da auftauchen sollte, und gäbe es dort wirklich einen Eintrag zu mir wäre mir das vermutlich doch etwas peinlich. Aber da sind wir wieder beim Punkt: Mein Respekt vor Menschen wächst naturgemäß, wenn sie bei Wikipedia genannt werden. Gefällt mir, gefällt mir, gefällt mir! Sie müssen wichtig sein, etwas geleistet haben.

Okay, Wikipedia ist kein soziales Netzwerk, aber schon zu Lebzeiten in einer Hall of Fame mit George Clooney, Karl Marx und Mozart zu glänzen, das hat ordentlich Prestige. Könnt ihr sagen, was ihr wollt. Wenn ich jemandem begegne, den ich vorher bei Wikipedia gefunden habe, denke ich: „Wow!“ Obwohl ich ihm ja erst noch begegnen werde. Aber ich konstruiere eben. Und die Basis meiner Konstruktion ist das, was der Autor des Wikipedia-Eintrags wahrgenommen hat. Und selbst wenn das der Beschriebene höchstpersönlich war, war auch das – zumindest teilweise – nur eine Konstruktion. Ko-Ko-Ko-Konstruktion. Oder so.

Mein roter Faden ist alle. Wer bin ich? Wer seid ihr? Wer sind wir hier? Mein ganzes Weltbild besteht aus Konzepten, die ich von euch gebildet habe. Ihr könnt sie beeinflussen. Und ihr beeinflusst sie. Stehen wir uns gegenüber, habe ich zumindest weitere Anhaltspunkte über euer "wahres Ich“ wie beispielsweise eure Mimik oder Stimmlage. Solche Dinge sagen mir ganz schön viel und erlauben es mir, genauer zu urteilen, als wenn ich euch nur online sehe. Da muss ich nämlich auf das vertrauen, was ihr mir bietet. Und ihr zeigt mir nicht alles! Aus Angst? Ich sag nur: "Ente, Kratzbürste, Jägerstuhl …"

#selfidentity - Wie wichtig sind dir Likes? Reich dein Foto oder deinen Link ein und gewinne ein Airwheel. Mit dem elektrischen Einrad kannst du dich fortbewegen wie Justin Bieber und die Beckhams.

© Foto Header: Privat