#selfidentity
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"Niemals in Unterwäsche"

Die Zwillinge Jil und Jana geben auf Instagram Einblicke in ihr Leben und zeigen sich in trendigen Outfits. Was unterscheidet sie von like-süchtigen Modepüppchen?

Sie ist unsere Lieblings-Foto-App, lädt uns zum Stöbern und Entdecken ein, gibt uns die Möglichkeit, selber Fotograf zu spielen, lässt uns mit diversen Filtern experimentieren und vernetzt uns mit Menschen auf der ganzen Welt. Mehr als 300 Millionen Menschen weltweit fühlen genauso und nutzen inzwischen Instagram.

2010 kam die App auf den Markt und ist seitdem ganz weit oben auf der Beliebtheitsskala. Auch Blogger erfreuen sich an der App und nutzen sie als zusätzliches Mittel zum Blog, um ihren Followern einen alltäglicheren Einblick in ihr Leben zu geben. Doch wie alltäglich und echt sind diese Einblicke? Oder werden die Schnappschüsse im Quadrat gezielt ausgewählt, um Likes zu garantieren?

Bachelorarbeit zum Thema #iamselfishhh

Wir haben mit Jil Wernicke, der einen Hälfte des Blogs Zwillingsnaht, über das Thema Selbstdarstellung und Like-Geilheit auf Instagram gesprochen. Gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Jana führt Jil bereits seit März 2010 einen persönlichen Blog über ihr Leben, ihren Style und ihre Leidenschaften. Anfangs geschah das noch ganz ohne Instagram.

Fotos spielen in Jils Leben nicht nur wegen des Blogs eine große Rolle, im April 2015 schloss sie erfolgreich ihren Bachelor in Fotografie ab. In der Abschlussarbeit befasste sie sich mit dem Thema Social Media und Selbstreflexion. Sie trägt den prägnanten Titel #iamselfishhh.

Zum einen arbeitet Jil darin den geschichtlichen Hintergrund des Selbstbildnisses auf und verfolgt seine Entwicklung von der Zeit, als sich das Phänomen noch auf die Malerei beschränkte, bis ins Heute, wo fototaugliche Mobilfunkgeräte für massenhaft Selfies sorgen. Zum anderen beinhaltet die Arbeit einen praktischen Teil, für den "Fotografien entstanden, die sich mit dem Thema Social Media, Selfies und Emojis auseinandersetzen", wie Jil erklärt.

Da Jil sich als Bloggerin tagtäglich mit diesem Themenkomplex beschäftigt, war es für sie naheliegend, ihn auch in der Bachelor-Arbeit aufzuarbeiten: "Ich habe mir gedacht: Du bloggst neben dem Studium, warum lässt du das nicht in deine Arbeit einfließen?"

Die Fotos stellte Jil in einem kleinen Ladenlokal in Dortmund aus. Rosa und mädchenhaft wurde es, womit viele ihrer Besucher nicht gerechnet hatten: "In der Arbeit wollte ich das Mädchen in mir einmal ausleben, was ich sonst nicht so bin! Denn irgendwie sind Selfies ja auch schon girly und mädchenhaft", meint Jil dazu.

Die Authentizität geht verloren

Mit der Arbeit nimmt sich Jil auch selber auf die Schippe, denn wenn man einen Blog führt, gehört Selbstpräsentation einfach dazu. #iamselfishhh wirbt dafür, diese selbstdarstellende Bloggerwelt nicht zu ernst zu nehmen: "Nur weil ich Blogger bin und nur weil ich Selfies mache, bin ich nicht automatisch ein oberflächliches, dummes Modepüppchen, das sich mit T-Shirts bezahlen lässt, alles geschenkt kriegt und auf Fashion-Shows fährt", so Jil. Es seien die Leute, die eigentlich nichts damit zu tun haben, die das alles viel zu ernst nehmen.

Aber auch für sich wollte Jil diese oberflächliche Welt einmal aufarbeiten und zeigt sich daher auf ihren Fotos auch ungeschminkt und ungephotoshoppt, da sie findet: "Man sollte dazu stehen, wie man wirklich ist, auch ohne Filter." Instagram diente ihr dabei als eine Basis für ihre Beobachtungen.

Dabei fiel ihr irgendwann auf, dass der Look von Instagram-Accounts immer einheitlicher wird: "Fast alle Nutzer verwenden die gängigen Motive, Aufnahmen, Ausschnitte und Filter und stylen ihren Feed komplett durch, nur um irgendwie fame zu werden und Likes einzuheimsen", so Jils Urteil. Die Leute sich selbst ein Diktat aufzwingen, was ja totaler Quatsch sei. Denn natürlich sehe es schön aus, wenn der Feed durchgestylt und aufeinander abgestimmt ist, aber "mit Authentizität das hat nicht mehr viel zu tun".

Authentizität ist hier ein wichtiges Stichwort. Spätestens seit dem Social-Media-Skandal rund um Essena O‘Neill weiß jeder Instagram-Nutzer, wie trügerisch Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken ist und wie oberflächlich die Accounts mitunter genutzt werden. Zum Job eines Bloggers gehört ein gewisses Maß an Selbstdarstellung aber nun mal dazu, wie viel man dabei von seinem Privatleben preisgibt und wie ehrlich man dabei ist bzw. wie gestellt die Bilder sind, ist letztendlich jedem selber überlassen.

Rätselhafte Like-Mechanik

Schaut man sich den Instagram-Account von Zwillingsnaht an, wird einem schnell klar, dass Selfies dort keine große Rolle spielen: "Ich finde das irgendwie total langweilig. Ich folge Instagram-Accounts ja, weil sie vielfältig sind und mir Sachen zeigen, die mich inspirieren. Und nicht, weil ich die Person attraktiv finde." Ist ein Feed voller Selbstporträts, so vermittle das für sie einen oberflächlichen Eindruck, sagt Jil.

Ausnahmen gebe es trotzdem: "Wenn mein Make-Up richtig #onfleek ist, dann versuch ich auch mal ein Selfie zu machen. 90 Prozent davon gefällt mir dann aber gar nicht und wird auch nicht gepostet – da bin ich einfach viel zu selbstkritisch." Viele Likes gebe es für die wenigen geposteten Selfies aber trotzdem.

Obwohl Jil Likes nach eigener Aussage nicht wichtig sind, machen sie sie manchmal ratlos: "Manchmal posten wir ein Foto, das uns selbst voll überzeugt, weil ein Konzept dahinter und viel Herzblut darin steckt, und es bekommt nur wenige Likes." Auf der anderen Seite bekämen dann aber Selfies oder schnell gemachte Interior-Fotos viele Likes. "Ich kann die Like-Mechanik also nicht immer nachvollziehen".

Trotzdem bleiben die Zwillinge ihrem Stil treu und ziehen ihr Ding durch. So würde Jil sich etwa nie in Unterwäsche auf Instagram zeigen, nur um mehr Likes zu bekommen. Genauso wenig kommt es für Jil und Jana in Frage, sich Likes oder Follower zu kaufen: "Ich finde es schlimm, dass manche Leute zu diesen Mitteln greifen, aus welchen Gründen auch immer. Das ist doch echt peinlich und erniedrigend."

Seit April 2015 nehmen sich die Zwillinge mehr Zeit, um einzelne Beiträge vorzubereiten und sie besser auszuarbeiten; es wird mehr auf Qualität als auf Masse gearbeitet. Selfies macht Jil seitdem noch weniger.

#selfidentity - Wie wichtig sind dir Likes? Reich dein Foto oder deinen Link ein und gewinne ein Airwheel. Mit dem elektrischen Einrad kannst du dich fortbewegen wie Justin Bieber und die Beckhams.

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