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Sex, Zucker, Likes

Warum gieren wir nach Likes, Herzchen und Sternchen? Neurowissenschaftler Dr. Dar Meshi erklärt, was "Daumen hoch" in unserem Kopf auslöst.

"Likes" oder "Herzen" steigern das Selbstwertgefühl  ist das auch wissenschaftlich belegt?

Leider noch nicht. Fest steht aber: Es gibt im Gehirn ein Belohnungszentrum, den sogenannten "nucleus accumbens". Dieser wird aktiviert, wenn jemand zum Beispiel gut isst, Sex hat, raucht oder Alkohol trinkt. Und er reagiert auch auf soziale Einflüsse – wie zum Beispiel ein Kompliment. Also könnte man vermuten, dass dieses Belohnungszentrum auch bei Feedback in sozialen Netzwerken aktiviert wird.

Es gibt also noch keine Belege, dass soziale Netzwerke die Gehirnstruktur in irgendeiner Form verändern können. Aber was ist mit Computern oder dem Internet im Allgemeinen?

Das ist noch sehr umstritten. Aber selbst wenn es eine wie auch immer geartete Veränderung des Gehirns gibt, ist damit ja auch noch gar kein Werturteil verbunden. Das heißt, vielleicht gibt es Veränderungen, aber das muss nicht unbedingt ein Problem sein. Ich glaube ohnehin, das es gar nicht möglich ist, Veränderungen des Gehirns und damit des Verhaltens pauschal als "gut" oder "schlecht" zu bezeichnen.

Kannst du das näher ausführen?

Joggen zum Beispiel beeinflusst die Gehirnstruktur, es gibt dafür viele Belege durch Tierstudien. So hat man etwa Mäuse und Ratten in Rädern laufen lassen und nachgewiesen, dass sich dadurch bestimmte Bereiche des Gehirn vergrößerten und andere verkleinerten. Dazu änderte sich ihr Verhalten und ihr Gedächtnis verbesserte sich, was ja erstmal positiv klingt. Und doch ist jede Veränderung eines Gehirns einzigartig und die Bewertung hängt immer von der Perspektive des Interpretierenden ab.

Du hast auch schon verschiedene Experimente zu sozialen Netzwerken und Gehirnprozessen durchgeführt. Was hast du dort genau beobachtet? 

Ich habe beobachtet, wie Menschen auf Komplimente reagieren. Dafür habe ich die Versuchspersonen in einem Donut-förmigen Scanner, einem Magnetresonanztomographen  untergebracht. Durch ihn konnte ich die Blutströme in ihren Gehirnen sehen und erkennen, welche Region bei welchem Kompliment am stärksten reagiert. Meine Schlussfolgerung war: Überzeugte Facebook-Nutzer freuen sich über Lob mehr als Leute, die soziale Medien nicht so viel nutzen. Ihr Belohnungszentrum reagierte bei Komplimenten nämlich am stärksten.

Das Belohnungszentrum wird auch angeregt, wenn man raucht und trinkt. Darauf ist als Ratgeber für ein gesundes Leben also nicht unbedingt Verlass, oder?

Ja, genau diesen Widerspruch möchten die Neurowissenschaftler auch verstehen. Wieso tut man etwas, obwohl es auf lange Sicht nicht gut für einen ist? Wenn man raucht, trinkt oder zu viel Süßes isst, gibt einem der Körper das Signal: „Hör auf!“ Macht man trotzdem weiter, ist man süchtig. Der Mechanismus des Gehirns, der einen zurückhalten soll, funktioniert dann nicht mehr.

Bei Youtube kann man ja auch einen "Daumen nach unten" vergeben. Könnte diese negative Art von Feedback einen User ebenfalls beeinflussen?

Hier könnte es wie bei dem positiven Feedback sein. Es gibt im Gehirn ja auch Regionen, die seelische und körperliche Schmerzen verarbeiten. Wenn drei Leute sich einen Ball zuspielen und eine Person plötzlich ausgeschlossen wird, reagiert das Gehirn auf diese Abweisung. Das Belohnungszentrum arbeitet dann nicht mehr.

Ist soziale Anerkennung im Netz eigentlich das Gleiche wie im "real life"? Und wird die Online-Anerkennung die "echte" irgendwann komplett ersetzen?

Ich kann nur mutmaßen, aber ich denke schon, dass beide Arten von Anerkennung gleich sind. Denn bei Lob beziehungsweise Abweisung im Netz müssten die gleichen Gehirnregionen aktiviert werden wie im "real life". Aus einer neurowissenschaftlichen Sichtweise wären soziale Anerkennung im Netz und im echten Leben dann das Gleiche. Eine Kollegin von mir hat indes die Theorie, dass soziale Anerkennung im Netz für Menschen nicht so wertvoll ist wie im "real life". Aber wie gesagt, ich sehe das anders. Wieso sollten beide Arten denn nicht gleich bedeutend sein? Ich bezweifle hingegen, dass es irgendwann nur noch virtuelle Anerkennung geben wird, denn wir Menschen werden in meinen Augen immer auch physisch miteinander interagieren.

Haben deine Forschungsergebnisse zur Wirkung von Social Media deine eigenen Nutzungsgewohnheiten verändert?

Hm, gute Frage! Ich habe mich schon vor meinen ersten Experimenten genau bei meinen Social-Media-Aktivitäten beobachtet. Mir fiel auf, dass ich viel weniger gepostet oder geteilt habe als meine Freunde. Und dann wurde es für mich spannend: "Wieso ist das so?", habe ich mich gefragt, und mir die ersten Experimente überlegt.  Und wenn ich meine eigenen Forschungsergebnisse nun auf mich selbst übertrage, muss ich wohl annehmen, dass mein Gehirn etwas weniger sensibel auf soziale Anerkennung reagiert als der Durchschnitt.

Würdest du dein Nutzungsverhalten weiterempfehlen?

Ich denke, jeder sollte soziale Netzwerke so nutzen, wie es ihn glücklich macht. Eine Kollegin von mir fand zuletzt heraus, dass sich Menschen durch soziale Netzwerke weniger einsam fühlen können. Andererseits gibt es auch eine Studie, die belegt, dass die Noten von Schülern umso schlechter sind, desto öfter sie Social Media nutzen. Das legt nahe, dass man sein Nutzungsverhalten nicht ausarten lassen sollte.

Über Dr. Dar Meshi:

Dar Meshi studierte Neurowissenschaften in Los Angeles und New York. 2009 kam er nach Berlin, um an der Freien Universität zu forschen. Das Spezialgebiet des 40-Jährigen ist die Verarbeitung von sozialen Informationen im menschlichen Gehirn, besonders im Hinblick Social Media.

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